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BB-Standpunkte
13.08.2018
BB-Standpunkte
Dieter Weirich: Wir brauchen neue Altersbilder

Jeder fünfte ältere Mensch ist Umfragen zufolge schon einmal im beruflichen, wirtschaftlichen oder gesellschaftlichen Leben benachteiligt worden. Die meisten registrieren es und nehmen es achselzuckend zur Kenntnis. Nach den Beobachtungen des Deutschen Institutes für Altersvorsorge (DIA), einer Denkfabrik für Generationengerechtigkeit, nehmen die Fälle von Altersdiskriminierungen immer mehr zu, ohne dass sich die Betroffenen dagegen wehren. Man muss nicht das „Revolutions-Gen“ eines Grauen Panthers in sich tragen, um klar erkennbare Benachteiligungen nicht zu erdulden. Bei Diskriminierungen im Arbeitsleben kann beispielsweise ein Anspruch auf Entschädigung geltend gemacht werden.

Obwohl die Altersbegrenzungen bei Stellenanzeigen oder Ausschreibungen durch das Allgemeine Gleichbehandlungsgesetz und seine Diskriminierungsverbote eigentlich ausgeschlossen sind, gibt es immer wieder eindeutig auf jüngere Zielgruppen ausgerichtete Annoncen. Hier wird eine Teamleitung zwischen 25 und 45 Jahren gesucht, dort versucht man eine junge Kraft im ersten Berufsjahr für eine Tätigkeit zu gewinnen. Häufig geschieht das durch mangelnde Kenntnis der Gesetze: Man habe sich nichts dabei gedacht, hört man von Personalreferenten.

Interessant ist in diesem Zusammenhang eine aktuelle Auseinandersetzung in Rheinland-Pfalz, wo nach Ansicht der Gewerkschaften alle Beamten, die früher nach dem Dienstalter bezahlt und damit diskriminiert wurden, eine Entschädigung bekommen sollen. Früher war für die Gehaltseinstufung das Lebensalter maßgebend, seit 2009 und in Berlin seit 2011 zählt die Berufserfahrung.

Berichte über Altersdiskriminierung gibt es vor allem im Wirtschaftsleben. Die Zurückhaltung von Banken und Sparkassen bei der Kreditgewährung ist bisweilen übervorsichtig, auch bei den sonst so großzügig angebotenen Kreditkarten gibt es für die Alten oft Restriktionen, Autovermietungen verlangen Altersangaben und erhöhen ab einem bestimmten Alter die Preise. Hartnäckig hält sich das Vorurteil, ältere Fahrer stellten ein erhöhtes Unfallrisiko dar, obwohl die größten Gefahren laut Statistik von den 18 bis 24jährigen ausgehen.

Unverständlich ist auch, dass für Beschäftigte in Unternehmen bei einer bestimmten Altersgrenze der Hammer fällt. Angesichts der immer fitteren Senioren und der demographischen Entwicklung ist eine Flexibilisierung des Renteneintrittsalters eigentlich ein politisches Gebot der Stunde. Es ist nicht mehr zeitgemäß, an Tarifverträgen festzuhalten, die ein automatisches Ende der Beschäftigung mit Erreichen der Altersgrenze vorsehen. Die Große Koalition sollte nach dem ersten Einstieg in die Flexibilisierung in der letzten Legislaturperiode weitere Anreize für jene schaffen, die länger arbeiten wollen.

„Nicht das Alter ist das Problem, sondern unsere Einstellung dazu“ wusste bereits der römische Staatsmann Marcus Tullius Cicero. Wir müssen uns also fragen, ob unsere Altersbilder noch stimmen. Schon die Alltagserfahrung lehrt uns, dass dies beileibe nicht der Fall ist. So schätzen z. B. Senioren ihre Lebensqualität deutlich besser ein als Jugendliche und Erwachsene im mittleren Alter, was die jüngste insa-Studie 50plus bestätigt.

Früher verband man Altern immer mit Vereinsamung, Verfall und Armut. Heute ist das Pendel zur Gegenseite ausgeschlagen. Die Werbung suggeriert ein Bild des vor Kraft strotzenden jungen Alten, der Marathon läuft und Kreuzfahrten unternimmt. Weil aber die Wahrheit wie zumeist in der Mitte liegt, brauchen wir differenzierte Altersbilder, die das gewachsene Potential der Senioren ebenso zeigen wie ein höheres Maß an Verletzlichkeit. So ist das statistisch höchste Krebsrisiko das Alter, nicht das Rauchen.

Der Weg zu einem differenzierten Altersbild ist noch weit, gibt es doch viel Nachholbedarf, auch in zivilgesellschaftlichen Organisationen. Selbst da, wo Bürgersinn gefragt ist, gibt es Altersschranken. Ein Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr kommt mit 60 Jahren automatisch von der Einsatz- in die Alters-und Ehrenabteilung. Der Betreffende gräbt vielleicht den lieben langen Tag seinen Garten um, aber ein Feuer zu löschen traut ihm die Gemeinschaft offenkundig nicht mehr zu. 

Professor Dieter Weirich ist Sprecher des Deutschen Instituts für Altersvorsorge (DIA), eines Think Tank für mehr Generationengerechtigkeit, der von Frankfurter Unternehmen der Finanzwirtschaft getragen wird.

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